PM 07.04.2026 zum Thema „Solidarität mit Sabine Maur – Rücktritt im Kontext struktureller Versorgungsprobleme“
PM 20260407_Solidarität mit Sabine Maur_ Rücktritt im Kontext struktureller Versorgungsprobleme
Solidarität mit Sabine Maur - Rücktritt im Kontext struktureller Versorgungsprobleme
Der Bundesverband für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (bkj) e. V. nimmt den Rücktritt von Sabine Maur von ihren Ämtern als Präsidentin der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz sowie als Vizepräsidentin der Bundespsychotherapeutenkammer mit großem Bedauern wahr.
Sabine Maur hat ihren Rücktritt im Zusammenhang mit der öffentlichen Kontroverse um einen aus einem fachlichen Kontext herausgelösten Videoausschnitt sowie einem darauffolgenden juristischen Verfahren erklärt. Der öffentlich verbreitete Videoausschnitt thematisierte ein reales ethisches Dilemma in der Versorgung. Während medizinische Leitlinien das Recht auch nicht-binärer trans* Menschen auf geschlechtsangleichende Maßnahmen grundsätzlich bejahen, bestehen gleichzeitig restriktive Begutachtungspraktiken, die diese Personengruppe faktisch ausschließen. Die rechtliche Lage dazu wird häufig verkürzt dargestellt. Höchstrichterlich wurde festgestellt, dass es an klaren gesetzlichen Regelungen fehlt und entsprechende Vorgaben erst noch geschaffen werden müssen, nicht jedoch, dass geschlechtsangleichende Maßnahmen für nicht-binäre Personen unzulässig sind. Die notwendige Konkretisierung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss steht bis heute aus.
„Fachliche Debatten über die Versorgung von trans* und nicht-binären Menschen werden in Teilen der Öffentlichkeit zugespitzt, personalisiert und für politische Kampagnen instrumentalisiert. Wir verurteilen ausdrücklich organisierte Angriffe auf Personen, die sich fachlich und gesundheitspolitisch für die Versorgung sowie die gesellschaftliche Gleichstellung geschlechtlicher Minderheiten einsetzen. Dass eine ausgewiesene Expertin und engagierte Berufspolitikerin ihr Amt unter dem Druck öffentlicher Kampagnen niederlegt, ist ein deutliches Warnsignal“, erklärt Stephan Osten, stellv. Vorsitzender des bkj.
„Über diesen Verlust einer herausragenden Stimme für für Diskriminierungssensibilität und Gleichstellung hinaus wird deutlich, dass weiterhin bestehende gesundheitspolitische und rechtliche Leerstellen insbesondere im Hinblick auf die Kostenübernahme körpermedizinischer Maßnahmen für nicht-binäre Menschen zu erheblichen Unsicherheiten in der Versorgungspraxis führen, sowohl für Klient*innen als auch für Behandler*innen“, so Philipp Dausmann, PiA-Vertretung im Vorstand des bkj.
Der Verband kritisiert insbesondere die anhaltende Untätigkeit bei der Konkretisierung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss.
„Fachkräfte werden in ein unauflösbares Spannungsfeld gezwungen: Sie sollen leitliniengerecht behandeln, arbeiten aber unter rechtlichen Rahmenbedingungen, die genau das erschweren oder verhindern. Sie begleiten junge Menschen mit zum Teil erheblichem Leidensdruck und treffen fachlich verantwortliche Entscheidungen auf Grundlage wissenschaftlicher Leitlinien, während rechtliche und sozialmedizinische Rahmenbedingungen diesen Empfehlungen widersprechen.“ so Dausmann weiter.
Die Folgen dieser Versorgungslücke tragen insbesondere nicht-binäre Menschen selbst. Sie haben weiterhin erschwerten Zugang zu notwendiger medizinischer Versorgung. Der Ausschluss von geschlechtsangleichenden Maßnahmen kann bestehende psychische Belastung erheblich verstärken und mit massiven sozialen Belastungen einhergehen.
Der bkj würdigt ausdrücklich das langjährige Engagement von Sabine Maur für eine evidenzbasierte, leitlinienorientierte und diskriminierungssensible Versorgung, insbesondere auch von Kindern und Jugendlichen. Als berufspolitische Akteurin und sichtbare Fürsprecherin hat sie wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der Versorgung und für mehr Sensibilität im Umgang mit marginalisierten Gruppen, insbesondere trans* Jugendlichen gesetzt.
Ihr Rücktritt stellt einen erheblichen Verlust für die berufspolitische Vertretung sowie für die Weiterentwicklung einer gerechten und bedarfsgerechten Versorgung dar.
Der Bundesverband für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie fordert:
- die unverzügliche Schaffung klarer gesetzlicher Grundlagen für die Versorgung trans* und nicht-binärer Menschen
- eine zeitnahe und verbindliche Regelung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss
- ein entschiedenes Eintreten der Bundespsychotherapeutenkammer für ihre ehemalige Vizepräsidentin
- wirksame Maßnahmen zum Schutz von Fachpersonen vor politisch motivierten Angriffen
„Wer Versorgungslücken politisch hinnimmt, darf sich nicht wundern, wenn fachliche Konflikte eskalieren. Die Verantwortung liegt klar bei der Gesundheitspolitik. Der bkj spricht Sabine Maur seine Solidarität und seinen ausdrücklichen Respekt aus und dankt für herausragendes Engagement.“, so Osten abschließend.
Für Rückfragen:
Stephan Osten, M.Sc.Psych. Philipp Julian Dausmann
osten@bkj-ev.de piavertretung@bkj-ev.de