PM 01.07.2026 zu den Handlungsempfehlungen der Unabhängigen Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“
20260701_bkj begrüßt Handlungsempfehlungen zum digitalen Kinder- und Jugendschutz
bkj begrüßt Handlungsempfehlungen zum digitalen Kinder- und Jugendschutz – Psychische Gesundheit und psychotherapeutische Versorgung konsequent mitdenken
Der Bundesverband für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie e. V. (bkj) begrüßt die von der Unabhängigen Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ vorgelegten Handlungsempfehlungen. Mit ihrem entwicklungsorientierten Ansatz und der konsequenten Ausrichtung an den Kinderrechten setzt die Kommission wichtige Impulse für einen zeitgemäßen Kinder- und Jugendmedienschutz. Die Verbindung von Schutz, Befähigung und Teilhabe bildet aus Sicht des bkj einen überzeugenden und wissenschaftlich fundierten Orientierungsrahmen für ein gesundes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in einer zunehmend digital geprägten Lebenswelt.
Besonders positiv bewertet der bkj, dass die Verantwortung für den Schutz von Kindern und Jugendlichen nicht auf Familien oder die jungen Menschen selbst verlagert wird. Vielmehr nimmt der Bericht Politik, Plattformanbieter, Bildungseinrichtungen, Kinder- und Jugendhilfe sowie das Gesundheitswesen gemeinsam in die Pflicht und unterstreicht die Notwendigkeit struktureller Verantwortung. Gerade dieser Perspektivwechsel ist ein wesentlicher Schritt hin zu einem wirksamen digitalen Kinder- und Jugendschutz.
„Kinder und Jugendliche wachsen heute selbstverständlich in digitalen Lebenswelten auf. Deshalb brauchen sie keine pauschalen Verbote, sondern einen Kinder- und Jugendschutz, der sich an ihrer Entwicklung orientiert, ihre (Grund-)Rechte stärkt und digitale Chancen ermöglicht, ohne Risiken auszublenden. Die Handlungsempfehlungen liefern hierfür eine wichtige fachliche Grundlage“, erklärt Stephan Osten, stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie e. V. (bkj).
Gleichzeitig sieht der bkj in einzelnen Bereichen Ergänzungsbedarf. Problematische oder exzessive Mediennutzung ist häufig nicht allein Ursache psychischer Belastungen, sondern Ausdruck bereits bestehender psychischer Erkrankungen oder besonderer psychosozialer Belastungen. Kinder und Jugendliche mit Depressionen, Angststörungen, Traumafolgestörungen, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Autismus-Spektrum-Störungen oder anderen psychischen Erkrankungen benötigen neben – teils individueller – Prävention und Medienkompetenz vor allem einen schnellen Zugang zu qualifizierter Diagnostik und evidenzbasierter Psychotherapie.
Der Bericht beschreibt Gesundheit, Beratung und Therapie als wichtige Bestandteile eines abgestuften Hilfesystems. Aus Sicht des bkj sollte jedoch die Rolle der ambulanten und (teil-) stationären Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie noch stärker berücksichtigt werden. Prävention und Medienbildung sind unverzichtbare Bausteine eines modernen Kinder- und Jugendschutzes – sie können eine psychotherapeutische Diagnostik und Behandlung jedoch nicht ersetzen.
Darüber hinaus regt der bkj an, besonders vulnerable Kinder und Jugendliche künftig noch stärker in den Fokus zu rücken. Kinder mit psychischen Erkrankungen, Entwicklungsstörungen, traumatischen Erfahrungen, Behinderungen oder erheblichen psychosozialen Belastungen weisen häufig ein erhöhtes Risiko für problematische digitale Nutzungsmuster auf und benötigen passgenaue Präventions-, Beratungs- und Behandlungsangebote.
„Digitale Prävention und psychotherapeutische Versorgung dürfen nicht getrennt gedacht werden. Ein wirksamer Kinder- und Jugendmedienschutz gelingt nur dann, wenn Prävention, Schule, Kinder- und Jugendhilfe, Gesundheitswesen und Psychotherapie eng zusammenarbeiten und dauerhaft verlässlich finanziert werden“, so Dr. Inés Brock-Harder.
Der bkj wird die Umsetzung der Handlungsempfehlungen fachlich konstruktiv begleiten und den gesellschaftlichen und fachlichen Diskurs aktiv mitgestalten. Einen wichtigen Beitrag hierzu leistet die bundesweite Fachtagung „Faszination Handy – Lebensraum Internet. Chancen und Risiken für die psychische Gesundheit junger Menschen“, die der Verband am 09. und 10. April 2027 veranstaltet. Im Mittelpunkt stehen aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Auswirkungen digitaler Medien auf die psychische Gesundheit, Internetnutzungsstörungen, Cybermobbing, Medienkompetenz, regulatorische Ansätze sowie die Chancen und Herausforderungen Künstlicher Intelligenz. Vertreterinnen und Vertreter aus Psychotherapie, Wissenschaft, Pädagogik, Politik und weiteren Fachdisziplinen werden gemeinsam Handlungsperspektiven für Praxis und Gesundheitspolitik entwickeln.
Die Ergebnisse der Fachtagung werden in ein Positionspapier des bkj einfließen und den weiteren fachlichen und politischen Diskurs zum digitalen Kinder- und Jugendschutz begleiten. Ziel des bkj ist es, die Empfehlungen der Expertenkommission um die Perspektive einer flächendeckenden, evidenzbasierten kinder- und jugendpsychotherapeutischen Versorgung zu ergänzen und damit einen Beitrag zu einem ganzheitlichen Schutz-, Präventions- und Unterstützungssystem für Kinder und Jugendliche zu leisten.
Für Rückfragen:
Dr. Inés Brock-Harder Stephan Osten, M.Sc.Psych.
brock-harder@bkj-ev.de osten@bkj-ev.de