Geschwisterbeziehungen. Herausforderungen und Ressourcen für die Entwicklung

Geschwisterbeziehungen. Herausforderungen und Ressourcen für die Entwicklung
Gelesen von Dr. Inés Brock-Harder
Die Familienforschung und die Familienpsychologie beschäftigen sich erst seit wenigen Jahrzehnten – jedoch in nur geringem Maße – mit Geschwisterbeziehungen. Jedoch reiht sich das vorliegende Buch ein in eine Reihe neuerer Publikationen zum Thema Geschwisterschaft und deren psychotherapeutischen Implikationen. Der Inhalt und Aufbau des Buches und die Intension der Herausgeber erweist sich als sehr relevant für Fachkräfte in Beratung und Psychotherapie. Das Inhaltsverzeichnis sortiert die Beiträge in drei Kategorisierungen. Zunächst werden verschiedene Perspektiven theoretischer Zugänge vorgestellt, die jeweils den Forschungsstand zusammenfassen. Im zweiten Teil geht es um spezifische Geschwisterbeziehungen um sich vertiefter mit Geschwisterkonstellationen und familiären Dynamiken auseinanderzusetzen. Bevor mit einem Fazit für Forschung und Praxis abgeschlossen wird, kommen im dritten Teil besondere risikobehaftete Geschwisterbeziehungen zu Wort. Darauf wird später noch einzeln eingegangen.
Die Autor*innen kommen überwiegend aus dem universitären Forschungsbereich, was garantiert, dass sehr evidenzorientiert referiert wird, was aber auch bedeutet, dass nur der akademische Leser ohne Nachschlagen von Fremdwörtern auskommt.
Die Frage im Einführungstext der Herausgeber: „Geschwisterbeziehungen im 21. Jahrhundert: Was ist (nicht) neu?“ wird zwar nicht beantwortet, ist jedoch als Einladung für die einzelnen Kapitel zu verstehen, deren Fokus im „Gang durch das Buch“ auch skizziert wird.
Innerhalb der entwicklungs- und persönlichkeitspsychologischen Sicht werden Theorien, Sichtweisen und Interpretationen über Geschwisterschaft beschrieben. Letztlich erfährt die Leser*in, dass Alltagswissen und Mythen zum Beispiel über die prägende Geburtsrangposition widerlegt sind. Im Gegenzug bereichern dann die zwei folgenden theoretischen Zugänge (psychodynamisch und systemisch) mit konkreten Praxisbezügen, z.B. dass eben die Geburtsposition und die konkrete innerfamiliäre Geschwisterkonstellation sehr wohl einen persönlichkeitsprägenden, aber eben nicht zu verallgemeinernden Einfluss auf die jeweiligen Kinder und deren Entwicklung haben. Und dies ist es ja, was für die individuelle Psychotherapie oder die Familienberatung relevant wird. Jedenfalls sind sich die Autor*innen in der Botschaft einig, dass sowohl für die individuelle Psychopathologie als auch dysfunktionale Familienstrukturen die Beachtung der Geschwisterbeziehungen nicht nur angeraten sondern notwendig ist. Dafür liefert dieses Buch tatsächlich viel kenntnisreich vorgetragenes Wissen. Beispielhaft wird darauf hingewiesen, dass die erlebte Geschwisterbeziehung Einfluss auf die Gestaltung von anderen sozialen Beziehungen im Gleichaltrigensetting hat (z.B. Partnerschaft) und auch das Erziehungshandeln der Eltern davon unbewusst überschattet sein kann. Auf S. 52f. werden zudem konkrete Empfehlungen für die systemische Geschwisterarbeit skizziert.
Interessant ist im dritten Unterkapitel die kulturelle Perspektive. Wenn der Blick auch auf afrikanische, asiatische oder arabische Kulturen gelegt wird, treten entscheidende Unterschiede zu tage. So spielt die Geschwistersolidarität als verpflichtende Norm eine viel größere Rolle, Rivalität wird deutlicher sanktioniert und es gibt klare Altershierarchien, die auch zu geschlechtsspezifischen Machtverhältnissen und Versorgungsansprüchen führen. Die gravierendsten Unterschiede zeigen sich in der Übernahme von Betreuungsaufgaben unter den Geschwistern, die zum Teil die elterliche Betreuung und Versorgung ersetzen. Dies kann in Beratungskontexten zu einer neuen kultursensiblen Wahrnehmung führen.
Im zweiten Teil, in dem es um spezifische Geschwisterbeziehungen geht, wird zunächst auf Zwillinge und Mehrlinge eingegangen. Hier findet man neben Hinweisen auf die aktuelle Studienlage eine gute Zusammenfassung der Zwillingsdynamik, die jedoch kaum psychologische Aspekte inkludiert. Wenn es im nächsten Kapitel um Stief- und Halbgeschwister in Stieffamilien geht, wird auf die Komplexität der Geschwister- und Familienbeziehungen verwiesen und unterschiedliche Begrifflichkeiten werden transparent gemacht, wie z.B. der Unterschied zwischen einer primären oder sekundären Stieffamilie und es werden zusammengesetzte Stieffamilien dargestellt. Dies wiederum alles sehr soziologisch und mit Verweis auf eine dünne Forschungslage. Wer sich für die Zusammenfassung dieser Forschung und demographische Daten interessiert, findet hier eine gute Datengrundlage. Neben einigen sehr guten Hinweisen zum Beziehungsaufbau unter Stiefgeschwistern finden sich auch Verweise auf die besondere Situation von Halbgeschwistern und zum Elternverhalten. Für die konkrete Begleitung dieser komplexen Familienstrukturen in Therapie und Beratung müssen daraus eigene Rückschlüsse gezogen werden.
Wenn es anschließend um Pflege- und Adoptivgeschwister geht, wird es nicht minder komplex. Wiederum ein wertvoller Forschungsüberblick, dessen Mehrwert v.a. in psychosozialen Kontexten, wie z.B. dem Jugendamt, abgebildet werden kann. Für die praktische Arbeit der Adoptionsvermittlung oder der Entscheidungsfindung bei Inobhutnahmen und deren Fremdplatzierung in Pflegefamilien wäre es sehr wünschenswert, die Geschwisterbeziehungen gleichwertig mit anderen Parametern einzubeziehen. Dafür liefert das Kapitel gute Argumente. Die häufigsten Pflegeverhältnisse, nämlich die Verwandtenpflege, mit ihren „verrückten“ Familienstrukturen wird leider komplett ignoriert. Hervorzuheben ist der Beitrag „Trauernde Geschwister“. In diesem wichtigen Kapitel werden altersabhängige Trauerkonzepte, die Diagnose der anhaltenden Trauerreaktion (ICD 11) und spannende Erkenntnisse über die Vulnerabilität von Kindern und Jugendlichen, die ein Geschwister verlieren, dargestellt. Gerade die veränderte Familiendynamik, die posttraumatische Reifung und die folgende Identitätsentwicklung nach dem Verlust von Bruder oder Schwester können dazu beitragen, Geschwisterkinder deutlicher wahrzunehmen und in ihren Trauerprozessen intensiver zu begleiten. Dafür werden auch Schwerpunkte für deren Unterstützung gesetzt.
Im letzten Teil geht es um besondere Geschwisterbeziehungen. Als besonders werden zuerst die Geschwister psychisch erkrankter Menschen in den Blick genommen. Hierbei geht es insbesondere um schwere psychische Erkrankungen mit Krankheitsbeginn in der Adoleszenz, die meist chronisch verlaufen und einen dauerhaften Abschied vom vertrauten Geschwisterkind bedeuten. Mitgeschwister werden zu Schattenkindern und nehmen ihre Hilflosigkeit als erdrückend wahr.
Es gibt dabei aber auch Impulse für die Persönlichkeitsentwicklung. Intensiv wird sich hier mit dem Phänomen der Vererbungsangst beschäftigt und Suizidalität wird genauer analysiert. Dieses Kapitel kann insbesondere so verstanden werden, dass Behandler*innen von jungen Patient*innen mit schweren psychiatrischen Diagnosen sensibilisiert werden, bei der Bezugspersonenarbeit die Geschwister nicht zu vergessen. Im nächsten Kapitel geht es um Geschwister von chronisch erkrankten Kindern und Kindern mit Behinderungen. Interessant ist hierbei, dass ein Modell für risikoerhöhende und risikomindernden Faktoren herangezogen wird, um familiäre, soziale und personale Perspektiven einzubeziehen. Diese eher individuell zu betrachtenden Befunde für die gesunden und nichtbehinderten Geschwister werden ergänzt durch aktuelle Forschungsergebnisse zur Beziehungsqualität. Unterstützungsangebote für diese Kinder und Jugendlichen runden diesen Beitrag ab.
Zuletzt wird die „dunkle Seite der Geschwisterbeziehung“ in den Fokus genommen. Sexualisierte Gewalt durch Geschwister ist ein Tabuthema, was hier aus dem Dunkelfeld geholt wird. Einfühlsam wird aufbereitet, wie es zu übergriffigem und missbräuchlichem Verhalten unter Geschwistern kommen kann, dazu wird ein Kontinuum sexuellen Verhaltens von Geschwistern abgebildet. Die Leser*in findet zudem klare Kriterien, wonach eingeordnet werden kann, wie das Verhalten im Einzelfall zu bewerten ist. Deutlich wird darüber hinaus – aus englischsprachiger Forschung – wie häufig das Phänomen (5%) – wahrscheinlich auch in Deutschland – anzutreffen ist. Gründe für das Schweigen, Folgen für die betroffenen Kinder und die Familien werden herausgearbeitet, so dass dieser Beitrag auch als Handlungsempfehlung für psychosoziale Fachkräfte (u.a. in der Jugendhilfe) gelesen werden kann.
Abschließend geben die Herausgeber einen Ausblick auf zukünftige Forschungsanliegen, appellieren an die Erweiterung der Forschungsperspektiven und betonen, dass individuelle Beratungs- und Therapieanliegen mit der Perspektive der Geschwisterdynamik besser verstanden werden können.
Ein Stichwortverzeichnis und Verweise innerhalb der Texte auf andere Kapitel helfen bei der Orientierung, wenn man bestimmte Themen sucht.
Abschließend kann die Lektüre der 190 Seiten jedem empfohlen werden, der sich dieser Thematik näher zuwenden möchte. Wer sich bereits mit der bis heute vorliegenden Literatur auseinandergesetzt hat, wird – um die Eingangsfrage zu beantworten – nicht viel Neues über Geschwisterbeziehungen erfahren. Der Anspruch des Buches – Herausforderungen und Ressourcen für die Entwicklung von Geschwisterbeziehungen zusammenzutragen – wird jedoch erfüllt. Übersichtlich und fokussiert werden die wichtigsten Konstellationen von Geschwisterbeziehungen betrachtet, viele englischsprachige Forschungsergebnisse wurden dabei zusammengetragen.
HerausgeberIn:
Meike Watzlawik
Holger der Lippe
Kohlhammer Verlag 2024
202 Seiten
ISBN 978-3-17-043528-5