Interviews

Leihmutterschaft. Psychotherapeutin warnt vor Folgen für Kinder

CDU-Politiker Jens Spahn und sein Mann haben sich von einer Leihmutter in den USA ein Kind austragen lassen. Damit umgingen sie ein in Deutschland geltendes Verbot. Inés Brock-Harder, Vorsitzende des Verbands Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, warnt vor den Folgen für Kinder und sieht ihre Rechte missachtet – etwa auf Bindung und das Wissen um ihre Herkunft.

MDR AKTUELL: In Deutschland stützt sich das Verbot der Leihmutterschaft unter anderem auf das Embryonenschutzgesetz. Ist das aus Ihrer Sicht als Psychologin – nicht als Juristin – nachvollziehbar?

Dr. Inés Brock-Harder: Ja. Letztlich ist Leihmutterschaft aus meiner Sicht eine Missachtung von Kinderrechten: des Rechts auf Kenntnis der eigenen Abstammung und des Rechts auf Bindung zu der Mutter, die das Kind austrägt. All das wird missachtet und kann mittelfristig zu psychologischen Verwirrungen führen.

Familien sprechen mit Kindern oft nicht über Leihmutterschaft

Welche Erfahrungen haben Sie mit Kindern gemacht, die von einer Leihmutter geboren und anschließend von ihr getrennt wurden?

Oft wird das gar nicht offen kommuniziert, weil Leihmutterschaft in Deutschland nach wie vor verboten ist – auch wenn sie im Ausland in Anspruch genommen wurde. Dadurch entsteht häufig ein Familiengeheimnis, und das Kind erfährt nichts über seine Herkunft. Das Wissen um die eigene Abstammung ist aber zentral für die Identitätsentwicklung.

Dadurch entsteht häufig ein Familiengeheimnis, und das Kind erfährt nichts über seine Herkunft, so Dr. Inés Brock-Harder, Kinder- und Jugendpsychologin.

Die Bindung zwischen Mutter und Kind beginnt bereits während der Schwangerschaft – die sogenannte pränatale Bindung. Was passiert nach der Geburt, wenn diese Bindung plötzlich abbricht?

Während der Schwangerschaft entsteht häufig eine Bindungskühle, weil die austragende Mutter versucht, keine enge Beziehung zu dem Kind aufzubauen und nicht mit ihm zu kommunizieren. Das Kind spürt diese Distanz. Nach der Geburt kommt dann das Trennungstrauma hinzu: Der vertraute Ort, die Stimme, der Geruch – all das, was das Kind nach der Geburt erwartet, ist plötzlich nicht mehr da. Dieses Trennungstrauma trägt das Kind nach meiner Auffassung ein Leben lang mit sich.

Sorge auch bei altruistischer Leihmutterschaft

Viele Wunscheltern geben ihren Kindern besonders viel Liebe. Kann das die fehlende Bindung zur austragenden Mutter ausgleichen?

Menschen haben viele Möglichkeiten, Traumata zu bewältigen. Ich möchte überhaupt nicht infrage stellen, dass liebevolle Eltern ihre Kinder heilsam begleiten können. Entscheidend ist aber, dass das Kind um seine Herkunft weiß, dass offen darüber gesprochen wird und keine Familienverstrickungen entstehen. Gerade bei der sogenannten altruistischen Leihmutterschaft besteht die Gefahr, dass diese Grundsätze ausgehöhlt werden. Das haben wir in anderen Ländern bereits gesehen.

Sie haben gesagt, Kinder hätten ein Recht darauf, ihre biologische Herkunft zu kennen. Anonyme Samenspenden sind seit 2018 nicht mehr erlaubt. Warum ist dieses Wissen so wichtig?

Herkunftssicherheit trägt wesentlich zur Identitätsentwicklung bei. Fragen wie "Wer bin ich?", "Wo komme ich her?" und "Wo liegen meine Wurzeln?" gehören dazu. Auch Ähnlichkeiten im Aussehen oder in den Eigenschaften spielen eine Rolle. Menschen möchten sich in ihrer familiären Herkunft verorten können. Für diese Kinder ist das erschwert.

Wie häufig möchten Kinder ihre Herkunft später aufklären? Wie ist das psychologisch zu bewerten?

Dazu gibt es leider noch sehr wenig Forschung, weil das Thema ein großes Dunkelfeld ist. Oft wird es erst sichtbar, wenn Kinder psychische Auffälligkeiten entwickeln. Dann fragen wir in der Anamnese nach ihrer Vorgeschichte und beziehen diese Erkenntnisse in die Behandlung ein.

Das Interview führte Stefan Rank.

Kurz erklärt: Fragen und Antworten zu Leihmutterschaft

 

Bei einer Leihmutterschaft trägt eine Frau ein Kind für andere Menschen aus. Nach der Geburt soll das Kind bei den sogenannten Wunscheltern aufwachsen. Medizinisch gibt es verschiedene Formen: Bei der traditionellen Leihmutterschaft stammt die Eizelle von der austragenden Frau selbst. Sie ist damit auch die genetische Mutter des Kindes. Bei der gestationellen Leihmutterschaft wird der austragenden Frau ein zuvor außerhalb des Körpers erzeugter Embryo eingesetzt. Sie trägt das Kind aus, ist aber nicht die genetische Mutter.