Schulzeugnisse in Sachsen-Anhalt. Zeugnis-Angst vor den Ferien: Warum schlechte Noten die Eltern oft mehr belasten als die Kinder
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Von Ariane Keller 30.06.2026, 16:27
In Sachsen-Anhalt gibt es am Freitag die Zeugnisse. Doch viele Eltern und Kinder bereitet das Sorgen.
Halle/Magdeburg. Für rund 211.000 Schülerinnen und Schüler (etwa 77.000 davon an den Grundschulen) in Sachsen-Anhalt ist es der letzte Schultag vor den Sommerferien. Die Sommerferien dauern sechs Wochen, am 17. August startet der Unterricht wieder.
Mit der Zeugnisausgabe endet am Freitag das Schuljahr an den allgemeinbildenden Schulen. Während viele Kinder mit guten Gefühlen in die sechswöchige Ferienzeit starten, blicken andere dem Tag mit gemischten Gefühlen entgegen.
Denn nicht jedes Zeugnis entspricht den Erwartungen – weder den eigenen noch denen der Eltern.
Warum schlechte Noten vielen Kindern Angst machen
Wer vor dem Zeugnis mehr Angst hat, Eltern oder Kinder, lässt sich nach Ansicht von Inés Brock-Harder nicht pauschal beantworten. Die Hallenser Psychotherapeutin und Vorsitzende des Bundesverbandes für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie verweist auf die unterschiedlichen Erwartungen in den Familien. „Gerade in akademischen Haushalten werden von Kindern hohe Leistungen erwartet“, sagt sie.
Gleichzeitig seien viele Kinder stark darauf bedacht, ihre Eltern stolz zu machen. Enttäuschungen würden deshalb oft als persönliche Niederlage empfunden. Hinzu komme in Sachsen-Anhalt der Druck, dass die Zeugnisnoten eine wichtige Rolle bei der Empfehlung für die weiterführende Schule spielen.
Auch Jugendliche empfinden die Zeugniszeit häufig als Belastung. Sie machen sich Gedanken über ihre berufliche Weiterentwicklung.
Schlechte Note? Eltern sollten nicht aggressiv reagieren
Wenn das Zeugnis schlechter ausfällt als erhofft, sollten Eltern vor allem eines tun: ruhig bleiben. „Kinder brauchen Erfolgserlebnisse und Wertschätzung“, sagt Brock-Harder.
Wichtiger als die einzelne Note sei die Fähigkeit, das eigene Lernen realistisch einzuschätzen. Zum Beispiel die Frage: Habe ich die schlechte Note bekommen, weil ich tatsächlich zu wenig gelernt habe?
Ähnlich sieht es die pädagogische Fachautorin und Elternberaterin Isabel Ruland aus Bonn. Eltern dürften zwar sagen, dass sie sich ein anderes Ergebnis gewünscht hätten. Schuldgefühle oder Vorwürfe seien aber fehl am Platz.
Stattdessen sollten sie die Enttäuschung des Kindes auffangen. Ein Satz wie „Für dich ist das jetzt schlimm. Ich bin zwar traurig, aber für mich ist es nicht schlimm“ könne Kindern helfen, die Situation einzuordnen.
Warum Strafen meist nichts bringen
Vom Entzug des Handys bis zum Hausarrest: Viele Eltern denken bei schlechten Noten zunächst an Strafen. Davon rät Isabel Ruland ausdrücklich ab. „Strafen erhöhen nur Angst und Druck“, sagt sie.
Viel wichtiger sei es, die Sichtweise des Kindes einzunehmen und Verständnis zu zeigen. Fragen wie „Wie geht es dir jetzt?“ oder „Was kann ich tun?“ seien hilfreicher als Vorwürfe.
Auch Brock-Harder sieht in harten Sanktionen vor allem die Hilflosigkeit der Erwachsenen. Eltern hätten zwar einen Erziehungsauftrag und dürften Konsequenzen ziehen. Diese sollten jedoch nachvollziehbar sein. Wenn dauerhaft zu wenig gelernt wurde, können Eltern etwa auf zusätzliche materielle Anschaffungen verzichten.
Entscheidend sei jedoch, dass Kinder immer eine Perspektive behalten. Sie müssten spüren, dass sie sich verbessern können und sich Anstrengung lohnt.
„Schule ist nicht alles“
Für Kinder mit einem schlechten Zeugnis hat Brock-Harder eine klare Botschaft: Die Schule ist nur ein Teil des Lebens. Freunde und positive Erlebnisse in der Freizeit seien mindestens genauso wichtig für das Selbstwertgefühl. Nicht alles, was Kinder können, lasse sich in Zensuren ausdrücken.
„Jeder kann etwas“, betont die Psychotherapeutin. Das eine Kind glänze vielleicht in Mathematik, ein anderes könne gut zeichnen oder sei sportlich besonders begabt. „Ein Kind kann zum Beispiel gut Angeln und weiß alles darüber. Dafür gibt es nur keine Noten“, so Brock-Harder.
Lernen in den Sommerferien? Eher nicht
Viele Eltern überlegen nach einem schlechten Zeugnis, die Ferien für Nachhilfe zu nutzen. Brock-Harder hält davon wenig. „Ferien sind Ferien“, sagt sie. Besonders die Sommerpause sollte Kindern die Möglichkeit geben, Abstand vom Schulalltag zu gewinnen. Auch zusätzliche Nachhilfe sieht die Expertin während der Ferien kritisch. Kinder bräuchten Zeit zum Entspannen.
Selbst ein Sitzenbleiben müsse nicht zwangsläufig als Niederlage betrachtet werden. Eltern könnten ihren Kindern helfen, die Situation als neue Chance zu begreifen. Schließlich wisse das Kind bereits, was im kommenden Schuljahr auf es zukommt.
Gute Noten müssen nicht mit großen Geschenken belohnt werden
Doch auch bei sehr guten Zeugnissen raten Experten zu einem ausgewogenen Umgang. Der Zeugnistag sollte nicht allein als Leistungsbarometer verstanden werden. Viel wichtiger sei es, gemeinsam zu feiern, dass ein weiteres Schuljahr geschafft wurde.
Eltern sollten deshalb nicht nur auf Noten schauen, sondern auch Engagement, persönliche Entwicklung, Kreativität oder sportliche Leistungen würdigen. Große Geschenke für jede Eins seien dafür nicht notwendig.
Hilfe für Familien
Für Kinder und Eltern, die wegen des Zeugnisses Sorgen haben, gibt es auch in diesem Jahr Unterstützung. Die „Nummer gegen Kummer“ ist montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr kostenlos und anonym unter 116 111 erreichbar. Das Elterntelefon hilft unter 0800 1110550 weiter.
Am Ende, so das Fazit der Expertin Brock-Harder, geht es ohnehin um mehr als Noten. Um seelisch gesund und psychisch stabil aufzuwachsen, brauchen Kinder Erfolgserlebnisse und Selbstermächtigung. Genau dabei können Eltern die wichtigste Rolle spielen.