Wenn der innere Dino brüllt

Wenn der innere Dino brüllt
Ein Kinderfachbuch zum Traumaverständnis
Gelesen von Stephan Osten
Aus der Perspektive eines Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten lässt sich „Wenn der innere Dino brüllt – Ein Kinderfachbuch zum Traumaverständnis“ als ein fachlich fundiertes und zugleich sehr zugängliches Buch beschreiben, das eine wichtige Brücke zwischen psychoedukativer Aufklärung, traumasensiblem Verstehen und kindgerechter Ansprache schlägt. Kristina Dobers, Andrea Ackermann und Sina Leonhardt gelingt es, ein komplexes Thema so aufzubereiten, dass es Kinder wie Erwachsene erreicht, ohne zu überfordern. Bereits die Einleitung überzeugt durch ihre klare Haltung: Beide Zielgruppen werden behutsam an das Thema Trauma herangeführt, zugleich wird deutlich darauf hingewiesen, dass das Buch keine Therapie ersetzt, sondern als Hilfsmittel zur Orientierung, Behandlungsbegleitung und zum besseren Verstehen dient.
Das Herzstück des Buches bilden die beiden Kapitel für Kinder. Anhand von Mika, einem Kind mit traumatischen Erfahrungen, werden typische Gefühls- und Verhaltensreaktionen nach Trauma nachvollziehbar dargestellt. Viele junge Leser*innen können sich in Mikas innerem Erleben wiederfinden, was Validierung und Entlastung ermöglicht. Besonders überzeugend ist das neurobiologische Erklärungsmodell des Gehirns als Haus: Die „Katze“ im Erdgeschoss als ängstlicher, führender Anteil, der „Dino“ im Keller als schlafender Verteidiger, der bei Alarm aktiviert wird, und die „Eule“ im Dachboden als verstehender, reflektierender Teil. So werden komplexe Zusammenhänge wie Alarmzustände sowie Fight-, Flight- und Freeze-Reaktionen anschaulich und einprägsam vermittelt. Der hohe Wiedererkennungswert der Figuren, die reduzierte Textmenge und die altersadäquate Gestaltung kommen insbesondere Kindern entgegen, denen Lesen schwerfällt. Mitmach-Elemente fördern zusätzlich die aktive Auseinandersetzung.
Das Kapitel mit Methodenvorschlägen zur Selbstregulation bietet hilfreiche Impulse zur Förderung von Selbstwahrnehmung und Beruhigungsfähigkeit. Fachlich ist jedoch anzumerken, dass einzelne Übungen – insbesondere bei stark oder komplex traumatisierten Kindern – vorzugsweise unter professioneller Begleitung eingeführt werden sollten, da innere Bilder oder Erinnerungen aktiviert werden können. Die benannten Hilfsangebote hätten durch konkretere Hinweise zu Beratungsstellen oder zum Zugang in die Psychotherapie noch ergänzt werden können, auch wenn bereits hilfreiche allgemeine Ressourcen aufgeführt sind. Abgerundet wird das Buch durch ein Kapitel mit theoretischen Grundlagen für Erwachsene, das verständlich erklärt, was Trauma ist und warum Menschen so reagieren, wie sie reagieren.
Insgesamt lädt das Buch fachlich versiert, empathisch und kreativ zur Lektüre ein. Es eignet sich für Kinder, Eltern, pädagogische Fachkräfte und Psychotherapeut*innen, die traumabezogenes Verhalten besser verstehen und Kindern Worte und Bilder für ihr inneres Erleben zur Verfügung stellen möchten.
Autorinnen:
Kristina Dobers, Andrea Ackermann, Sina Leonhardt
Mabuse Verlag
Für Kinder ab 4 Jahren
Auflage 2025, 87 Seiten, 25,00 €
ISBN 978-3-863217-43-3