Buchbesprechung: „Zur Psychoanalyse der ADHS“     Manual und Katamnese
Adelheid Margarete Staufenberg   Brandes & Apsel 2011


Schon in der Einleitung gibt die Autorin einen ersten Einblick in  die Diskussion  über das Störungsbild und die unterschiedlichen Behandlungsansätzen der Aufmerksam­keits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS). Sie zitiert Riedesser, der diese Diskussion als größte Kontroverse in der Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie bewertet.
Sehr klar formuliert die Autorin ihre Beweggründe, das vorgestellte Buch zu schreiben: „Ziel dieser Arbeit ist es, auf mehreren Argumentationsebenen nachzuweisen, dass und warum „ADHS“ erfolgreich mit analytischer Kinderpsychotherapie behandelt werden kann und dass psychodynamische Konzepte einen relevanten Erklärungsansatz zum Verständnis dessen bieten, was seit Mitte der 1990er Jahre unter dem Kürzel „ADHS“ die Diskussion über Psychopathologien bei Kindern und Jugendlichen dominiert.“ (S.25)
In ihrer psychoanalytisch kritischen Haltung gegenüber der Biologisierung von Verhaltensauffälligkeiten geht sie im zweiten Kapitel mit ihrem profunden Fachwissen auf den historischen Zusammenhang der ADHS/HKS Diagnosen ein. Sie stellt die wichtigsten Argumente der kontroversen Diskussion vor und beschäftigt sich mit dem kulturellen Hintergrund der explosionsartig gestiegenen ADHS-Diagnosen sowie mit den damit verbundenen medikamentösen Behandlungen von Kindern und Jugendlichen.
Im dritten Kapitel stellt die Autorin die heute als ADHS verstandenen Verhaltens­auffälligkeiten in den Kontext der psychoanalytischen Konzepte. Sie gibt einen Überblick über das psychodynamische Verständnis der ADHS-Symptome mit denen sich Analytiker schon früh im Rahmen von emotionalen Entwicklungs­störungen beschäftigt haben.
Das „Manual zur psychoanalytisch-psychotherapeutischen Behandlung bei Kindern mit psychosozialen Integrationsproblemen, insbesondere HKS/ADHS“ wird im vierten Kapitel vorgestellt. Das analytische Manual bietet keine direkten Handlungsanleitungen und keine Anweisungen für eine Abfolge bestimmter Schritte in der therapeutischen Arbeit. Die Autorin grenzt sich mit dieser Weiterentwicklung, eines am Sigmund-Freud-Institutes 2004 intern entwickelten Behandlungsmanuals, von den in der Verhaltenstherapie üblichen Manuals ab. Es werden die klassischen Fragen zum Setting, zur entwicklungspsychologischen Perspektive und Strukturbildung, zur analytischen Behandlungstechnik und zum Behandlungsverlauf inklusiv der Arbeit mit den Eltern besprochen. Die Autorin hebt die besondere Bedeutung des Mentalisierungs­konzeptes für das Verständnis der Störung und für die Behandlungstechnik hervor. Die vielfältigen Fallvignetten illustrieren den Ablauf der analytischen Behandlung und geben einen lebendigen Einblick in die konkrete und individuelle Arbeit mit dem Kind. Besonders beeindruckt hat mich der Abschnitt „Vaterhunger“ (S.143 ff.), indem sie die Häufung der ADHS – Diagnosen bei Jungs in den Kontext der ebenfalls vermehrt fehlenden Väter in deren Familien stellt.
Im fünften Kapitel lernen wir in der Dokumentation einer Langzeitbehandlung nicht nur den hyperaktiven „Alex“ kennen, sondern auch eine Therapeutin, die sich mit  vielfältigen Grenzüberschreitungen des Jungen auseinandersetzen muss. „Die Suche nach Sinn und Bedeutung seines scheinbar sinnlosen Verhaltens erweitert sein Selbsterleben und lässt ihn Angst erregende Gefühle ertragen lernen, statt im Wortsinn – davonlaufen zu müssen.“ (S.28)
Die Ergebnisse einer Studie zur Katamnese von Erstkontakten mit der nachträglichen identifizierten ADHS-Diagnose aus den Jahren 1997 bis 1999 des Institutes für analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie e.V., Hessen werden im sechsten Kapitel vorgestellt. Die Autorin dokumentiert in diesem Kapitel ihre, persönlich 2004/05 durchgeführten, telefonischen Katamnese­interviews mit den Eltern. Ihre kritische Auswertung der unterschiedlichen Behandlungsverläufe führt u.a. zu folgender Aussage: „Die große Bandbreite der erfolgreich eingesetzten therapeutischen Maßnahmen bei der gleichen Diagnose macht deutlich, dass die Diagnose selbst noch nicht die Entscheidung über die Therapie vorgibt.“ (S.286) Insgesamt präsentiert die Studie Ergebnisse, die erfolgreiche psychoanalytische Behandlungen bei Hyperaktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörungen belegen.
Abschließend im siebten Kapitel geht die Autorin unter dem Stichwort „Biologisierung sozialer Probleme“ (S. 288) noch einmal auf die gesellschaftliche Entwicklung ein. Sie benennt die „Prävention als das Feld entscheidender Maßnahmen, um ADHS-Diagnosen zu erübrigen, ...“ (ebd.) und sie stellt die vorgelegte Arbeit in den Kontext einer zu erstellenden zusammenfassenden Systematisierung zur analytischen Theorie und Behandlung von ADHS.
Trotz, oder auch gerade wegen der eindeutigen analytischen Grundhaltung ist Frau Staufenberg eine differenzierte Darstellung der kontroversen Diskussion um die Ätiologie und der Behandlungsansätze gelungen. Das vorgestellt Manual mit den vielen Fallvignetten und die Beschreibung der Langzeitbehandlung werden meine alltägliche Arbeit bereichern. Ich gehe davon aus, dass diese Systematisierung der analytischen Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsproblemen in die Ausbildung der Kolleginnen und Kollegen einfließen wird. In besonderer Weise begrüße ich die katamnestische Studie als Beitrag, die Wirksamkeit von psychodynamischen Behandlungskonzepten bei ADHS zu belegen.
Nicht nur durch die Auswertung der Studie hat Frau Staufenberg ihr eingangs zitiertes Ziel erreicht, für mich belegen auch die konkreten Beschreibungen ihrer Behandlung und das theoretische Konzept die Relevanz der psychodynamischen Therapien.

A. Matthias Fink
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
Psychologische Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche, Wermelskirchen 

Brisch, K. H. (2010): Posttraumatische Belastungsstörung und Störungen der Aufmerksamkeit und Hyperaktivität. In: Die Kinderschutz-Zentren (Hrsg.) ADHS – Diagnostik und Hilfen für betroffen Kinder und Jugendliche und ihre Eltern Köln (Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren e.V.), S. 35-71.     

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